5 Erkenntnisse aus meiner persönlichen Journaling-Routine

Ich journale, seitdem ich schreiben kann. Meine Journalingpraxis und Routine haben sich im Laufe der Jahre und Lebensphasen verändert. Hier teile ich meine aktuelle persönliche Journaling-Routine und Erkenntnisse, die dir hoffentlich helfen, deine eigene Routine zu finden oder dich (wieder) auf deine persönliche Schreibpraxis einzulassen.
Journaling bedeutet für mich, schreibend mit meinen Gedanken zu sein. An manchen Tagen ist es eine Dokumentation der Erlebnisse, an anderen arbeite ich durch kleinere und größere Krisen. Meistens liegt es irgendwo dazwischen. Wichtig ist: Ich schreibe für mich. Niemand wird mein Journal lesen. Deshalb kann ich absolut frei schreiben.

Ich schreibe mit der Hand. Am Laptop habe ich einen anderen Bezug zum Schreiben – die Haptik von Stift und Papier, die Entstehung von Buchstaben und Wörtern in meiner Handschrift, ist für mich essenziell für die Wirkung des Journalings.

1) Wo ich am besten schreiben kann

Finde den Ort, an dem du den gewünschten Geisteszustand für das Schreiben hast.

Cafés oder Züge funktionieren für mich nur manchmal. So sehr ich die Idee mag, so sehr lasse ich mich von der Umgebung ablenken. Ich schreibe fast immer zu Hause, in meinem Schlafzimmer, wo ich eine kleine Schreibecke habe. Dort steht ein Sekretär, und wenn ich ihn aufklappe, liegen darin diverse Notizhefte, Bücher und Schreibmaterial. Auch Briefpapier für den einen oder anderen Brief. In den Herbst- und Wintermonaten zünde ich gerne eine Kerze an.

Ich achte darauf, dass ich an dem Sekretär nichts anderes mache als zu schreiben. Und es zeigt Wirkung: Ich schaffe es dort sehr gut, mich zu konzentrieren und bei mir zu bleiben – der richtige Geisteszustand. Ich stelle mir mit dem Handy einen Wecker, sodass ich auch nicht ständig auf die Uhr schaue, wie viel Zeit ich noch habe.

Meine Schreibecke in meinem Schlafzimmer

2) Morgens oder abends? Für mich ein großer Unterschied.

Jede Tageszeit ist anders und hat ihre Vor- und Nachteile für das Schreiben. Es macht einen Unterschied, ob ich morgens oder abends schreibe. Ich journale eigentlich lieber abends. Dann habe ich mehr „Stoff" zum Schreiben – Gedanken, die ich zu Papier bringen möchte, oder Erlebnisse, die ich dokumentieren und verarbeiten möchte. Wenn ich abends alles aufgeschrieben habe, was mich beschäftigt, kann ich auch besser schlafen. Leider fehlt mir abends oft die Ruhe, oder ich komme spät nach Hause und bin zu müde.

Also journale ich morgens – eine komplett andere Erfahrung. Morgens ist mein Kopf frei. Das bedeutet, dass ich mich mit tieferen Gedanken auseinandersetzen kann, weil mein Kopf nicht voll ist mit den Erlebnissen des Tages. Wenn ich morgens schreibe, habe ich einen besseren Tag, denn bevor ich den Tag richtig gestartet habe, habe ich schon mit mir und meinen Gedanken gesessen. Dann spüre ich morgens schon in mich hinein und merke, wie es mir geht. Wenn ich die Chance hatte, vor der Arbeit etwas für mich zu machen, habe ich bessere Laune und bin auch den ganzen Tag über entspannter.

Selten schreibe ich auch irgendwann am Tag – meistens, wenn mich etwas sehr stark beschäftigt. Dann muss ich es schnellstmöglich aufschreiben, da ich sonst viel zu lange ohne konstruktive Ergebnisse Sachen zerdenke.

3) Wie oft und wie lange ich schreibe

Du brauchst mindestens 10 Minuten, und je regelmäßiger du schreibst, desto besser.

Ich arbeite Vollzeit, ich mache Sport, ich habe ein aktives Sozialleben und vor allem: Ich brauche viel Schlaf. Ich habe festgestellt, dass ich ca. 10 Minuten brauche, um eine A5-Seite zu beschreiben. In der Regel schreibe ich weniger als das, manchmal mehr. Es sind also 10 bis maximal 15 Minuten, die ich morgens mit Schreiben verbringe. Ich bin meistens etwas gestresst, wenn ich los zur Arbeit muss, habe aber gemerkt, dass ich die 10 Minuten meistens habe. Mein Morgen sieht dabei nicht immer gleich aus: Manchmal wasche ich mir die Haare, manchmal fahre ich ins Büro, manchmal muss ich vor meinem Tag im Homeoffice noch schnell einkaufen gehen.

Wenn ich ein paar Tage nicht geschrieben habe, merke ich das. Nicht zu schreiben bedeutet in der Regel, dass meine Tage sehr voll waren – mit Arbeit, Reisen, Menschen und einfach unterwegs sein. Ich spüre dann, dass ich ein paar Tage nicht richtig bei mir war, keinen Check-in mit mir gemacht habe und meine Gedanken nicht sortieren konnte. Und das natürlich vor allem, wenn besonders viel los war.

4) Worüber ich schreibe und wie es sich im Laufe der Zeit verändert hat

Früher war Journaling etwas, das ich machen wollte, nicht etwas, das unbedingt von mir selbst kam. Ich hatte es in Filmen gesehen, und mir gefiel das Bild davon. Ich wollte die Person sein, aber ich war es nicht. Erst als ich älter wurde, so ab ca. 30, als sich sowieso alles in mir veränderte, habe ich einen neuen Zugang zum Journaling bekommen, der mehr aus mir heraus kam.

Wichtig ist, sich davon loszumachen, dass irgendwann jemand das Journal interessiert lesen wird, und für diese Person zu schreiben. Die Person, „für" die du schreibst, bist du – und das nicht in dem Sinne, für dich als deine eigene Leserin, sondern für dich als Schreiberin. Du schreibst nicht ins Journal, um es zu lesen, sondern das Schreiben ist das Mittel, dich auszudrücken und dich zu sortieren.

Ich schreibe übrigens so, dass ich den Rand frei habe, und dort kurze Stichwörter oder Themen zu dem Eintrag oder einzelnen Absätzen notiere. So strukturiere ich meine Einträge, falls ich in der Zukunft meine Gedanken zu einem bestimmten Thema suche. Ich beklebe meine Journals zudem gerne mit Stickern, die ich von verschiedenen Orten sammle.

5) Entwicklung

Die eigene Schreibpraxis verändert sich – von Tag zu Tag und von Lebensphase zu Lebensphase.

Du solltest offen dafür sein, dass sich deine Routine verändert: dass sich ändert, warum du Journaling brauchst und was es dir gibt. Eine der größten Erkenntnisse für mich ist, dass jeder Tag anders ist. Und das ist auch eine essenzielle Erfahrung des Menschseins. So kann ich mir selbst und anderen wohlwollender begegnen, und das macht sich in meiner Lebensqualität und meinen Beziehungen bemerkbar.

Eine persönliche Journaling-Routine ist genau das: persönlich und somit individuell. Wenn man sich darauf einlässt, kann sie einem helfen. Vielleicht sieht deine Routine ganz anders aus als meine – morgens statt abends, am Küchentisch statt am Sekretär, mit dem Laptop statt von Hand. Das ist auch richtig so. Entscheidend ist nicht die eine „richtige" Methode, sondern dass die Routine zu dir passt und sich mit dir verändern darf.