Eine Freundin erzählte mir neulich davon, wie eine Ewigkeit doch nur eine Stunde war. Einige Tage zuvor hatte sie in einem Café gesessen und etwas anders gemacht als sonst. Anstatt am Handy zu sein, hatte sie in den Magazinen gelesen, die im Café auslagen. Genüsslich und in aller Ruhe blätterte sie sich durch die Hefte, vielleicht kam sogar ein Anflug von Langeweile auf. Als sie genug hatte, trat sie vor die Tür – mit dem Gefühl, dass eine Ewigkeit vergangen war. Und sie fühlte sich erholt. Du und ich, wir kennen dieses Gefühl. Es ist eine Mischung aus beidem: nichts tun zu müssen und nichts machen zu wollen. Dieses Gefühl ist selten und doch ein wenig magisch. Am Handy stellt es sich nicht ein. Ich zumindest habe diese genüssliche Momentausdehnung dort noch nie erlebt. Eher passiert das Gegenteil: Zeit verdichtet sich, geht sogar verloren. Lesen und – noch mehr – „jörnäln“, wie eine andere Freundin neulich schrieb, dehnen die Zeit wieder.
Ich möchte bewusster leben, auch im Alltag, und mehr in Resonanz mit meiner Umwelt sein, wie es Hartmut Rosa beschreibt. Warum? Weil es sich dann mehr nach Leben anfühlt, nach einem In-der-Welt-Sein. Vor einigen Wochen habe ich mein Konto bei Instagram gelöscht, wirklich das Konto – nicht nur die App vom Handy. Einige Tage später folgten YouTube und die Nachrichten-Apps. Ich wollte nicht mehr einfach am Handy sein. Ich wollte die Zeit nutzen, um zu lesen und zu schreiben oder einfach nur zu sein. Und ich wollte meine Zeit nicht doppelt und dreifach verschenken.
Der Algorithmus entscheidet, nicht ich
Ist es nicht absurd, dass die Algorithmen von Instagram, YouTube Shorts und anderen sozialen Medien zwar individuell auf ihre Nutzerinnen zugeschnitten und doch gleichzeitig wahllos sind? Welches Video, welches Thema als Nächstes meine Aufmerksamkeit bekommt, entscheide nicht ich, sondern der Algorithmus. Erst ein süßes Katzenvideo. Dann Krieg. Ein Tanzvideo. Klimakrise. Dann ein Rezept für Pasta. Dazwischen Produkte, die ich brauchen soll. Und das alles innerhalb von Sekunden. Ich wollte doch nur kurz mal gucken. Aber wonach, weiß ich gar nicht. Was ich bekommen habe, ist ein Auf und Ab der Gefühle.
Zeit am Handy verlieren
Genauso ist es mit Nachrichten. Wenn wir ehrlich sind. Klar, Nachrichten sind „sinnvoll“. Immerhin wollen wir informierte Menschen sein. Doch oft war die Nachrichten-App für mich nur die gesellschaftlich akzeptierte Version des Scrollens. Genauso gedankenlos wie Instagram. Auch hier hatte ich keinen Einfluss darauf, was auf dem Display erschien. Wie gedankenlos das war, zeigt sich daran, wie wenig ich davon behalten habe. Während der Pandemie habe ich die Apps sehr oft geöffnet, nach dem 24. Februar 2022 immer seltener. Inzwischen habe ich auch diese Apps von meinem Handy gelöscht.
Heute lese ich Nachrichten bewusster und tendiere zu Lokalnachrichten. Ich kann nicht über alles informiert sein, was in der Welt geschieht, und mich gleichzeitig damit auseinandersetzen. Und ich halte inne, bevor ich etwas aus einem Artikel google.
Bildschirmzeit: Wie eine Stunde verschwindet
Ich versuche, meine Bildschirmzeit unter einer Stunde zu halten. Selbst wenn ich mein Handy sehr bewusst benutze, komme ich auf eine Stunde. Ich frage mich, wie sie zusammenkommt, obwohl ich mich bemühe, möglichst selten zum Handy zu greifen. Gefühlt waren es nur 20 Minuten. Das Handy verschluckt die Zeit einfach. Das möchte ich nicht.
Früher habe ich beim Essen etwas auf YouTube geschaut. Heute versuche ich stattdessen zu lesen. Auch in der Bahn auf dem Weg zur Arbeit. Oder ich entscheide mich bewusst gegen das Lesen. Es entstehen Momente, in denen ich in Resonanz bin – vielleicht nicht immer mit der Umwelt, aber wenigstens mit mir selbst und dem Moment.
Als Nächstes möchte ich zu Verabredungen 10 bis 15 Minuten früher kommen. Die Zeit will ich nutzen, um die Umgebung und die Menschen zu studieren. Oder ich starre einfach in die Gegend und achte auf Details. Wie sind die Häuserfassaden gestaltet? Wie sieht die Landschaft aus? Was machen die Tiere eigentlich so? Was tragen die Menschen, die an mir vorbeilaufen? Für mich als Schreibende sind das wertvolle Beobachtungen.
Selbst entscheiden, wie ich meine Zeit verbringe
Am Handy reagiere ich ständig. Das macht mich ruhelos. Ich kümmere mich viel zu sehr um die äußere Welt, die sich wiederum nicht um mich kümmert. Niemand nimmt mir die Arbeit ab, gute Entscheidungen für mich zu treffen. Also treffe ich sie selbst und bewusst – auch darüber, wie ich meine Zeit nutzen will. Das fühlt sich sehr gut an. Denn am Ende interessiert es niemanden außer mir, womit ich meine Zeit verbringe. So entstehen Achtsamkeit und innere Ruhe, und ich lerne mich selbst besser kennen.
Die freie Zeit nutze ich, um in mich hineinzuhören: Worauf habe ich gerade Lust? Das kann Gärtnern sein oder Kochen, Spazierengehen oder Musikhören. Oder eben „jörnäln“.
Zeit zum Lesen